Medusenblut

Details

Allem Fleisch ein Greuel

Eddie M. Angerhuber, Boris Koch (Hrsg.)
Medusenblut 17, 199 Seiten, Pb, ISBN 3-935901-08-9
13.00 €

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Aus dem Inhalt:

ALLEM FLEISCH EIN GREUEL enthält sieben phantastische Erzählungen von Thomas Wagner, Kathleen Weise, John B. Ford, Michael Siefener, Quentin S. Crisp, Jörg Bartscher-Kleudgen und Matt Cardin. Sie erzählen von von der Wahrheit, die unter dem Schleier der Realität liegt, oder etwas, das im Wahn für Wahrheit gehalten wird. Von der Wahrnehmung von mehr als der sichtbaren Wirklichkeit. Es geht um die Wahrheit hinter der Lüge oder um ein verbotenes Geheimnis in einer verschlossenen Kammer. Es geht um das Gesicht unter der Clownsschminke, um Masken und Träume oder das Aufbrechen der Realität mittels Drogen und Worten, oder dem Beginn einer neuen Zeit, die wirkt wie eine Halluzination. Es ist Phantastik ohne Monster.


Leseprobe:

Er trat aus dem Flur in das Wohnzimmer. Eine Aureole gelben Lichts umfloĂź ihn und alle Spinnen dieser Welt.
Dies war nicht mehr die Zeit der Spinnen.
Leere Flaschen, Scherben und zerschlagene Möbel formten im Sonnenlicht eine Wiese der Zerstörung, einen Abgesang auf den menschlichen Verstand; auf dem Boden ver-streu-te Lebensmittel verdarben wie im Zeitraffer, um die Brutstätte neuen Lebens zu bilden, das sich bereits in ihnen regte.
Das Bildnis eines Dackels hing in schiefem Winkel an der Wand und glotzte grotesk schielend auf das Bild der VerwĂĽstung.
Auf der Tapete tanzte ein Blumenmuster un-be-hol-fe-ne Kapriolen im Son-nen-licht, nur einige merkwürdig asymmetrische Blüten feucht-ro-ter Farbe be-tei-lig-ten sich nicht an diesem surrealen Reigen. Ihre Blätter er-streck-ten sich, Farb-sprit-zern gleich, schein-bar ziellos und fordernd über das Muster, um sich an ihren Spitzen auf eine ge-mein-sa-me, senkrecht verlaufende Richtung zu einigen.
Aus einer Steckdose ragte ein ineinander verschlungenes Kabel, das sich wie ein Kriechtier abwärts und über den Teppich wand. Einige Fliegen krabbelten im Gän-se-marsch über die rotverschmierte Isolierummantelung.
Am Boden lag – auf dem Bauch hingestreckt und mit angewinkelten Glied-ma-ßen, gleich-sam eingefroren in einer letzten aufbäumenden Bewegung – der leblose Körper eines Mannes; bekleidet nur mit einer fleckigen Unterhose, die halb über das bleiche Gesäß herabgerutscht war.
Im Schädel – oder vielmehr in einer unkenntlichen Masse aus Blut und Haar – steckte, einer absurden, lärmenden Krone gleich, ein angeschaltetes Transistorradio.

aus: Thomas Wagner: Die gelbe Zeit

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