Medusenblut

Details

Die magische Bibliothek

Michael Siefener
Medusenblut 18, 231 Seiten, Pb, ISBN 3-935901-09-7
13.00 €

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Aus dem Inhalt:

Der Rechtsanwalt und BĂŒchernarr Albert Moll wird auf die Burg des undurchsichtigen Grafen Roderich gerufen, um mit diesem ein Testament aufzusetzen. Dabei stĂ¶ĂŸt er auf zwei betörende Frauen und den Hinweis auf eine wertvolle magische Bibliothek, die auf der Burg verborgen sein soll. Eine Bibliothek, von der er schon immer getrĂ€umt hat. Und bald steckt er mitten in Ereignissen, die den Geschichten Stokers, Blackwoods, Lovecrafts und Poes entsprungen sein könnten...


Leseprobe:

Der Pfad wurde von einigen Fichten gesĂ€umt, zwischen denen man nach rechts und links einen beunruhigenden Blick auf den Grund des Kratertals hatte. Der Weg schien in der Luft zu schweben wie eine HĂ€ngebrĂŒcke ĂŒber einem geheimnisvollen Urwaldtal. Albert hĂ€tte sich kaum gewundert, wenn der Boden unter ihm plötzlich zu schwanken begonnen hĂ€tte.
Doch er blieb fest und unbewegt, und rasch hatte Albert die enge Schlucht ĂŒberquert. Der Kamm dahinter war viel breiter, als es von unten den Anschein gehabt hatte. Der bequeme Weg verlief zunĂ€chst auf der Kammhöhe, dann fĂŒhrte er ein StĂŒck weit abwĂ€rts und schmiegte sich an die Bergflanke.
Albert blieb bald stehen. Der Himmel wechselte langsam von Dunkelblau zu Schwarz. Schon sah er das Funkeln der ersten Sterne ĂŒber den Wipfeln. Es war zu gefĂ€hrlich, in diesem DĂŒster weiterzugehen; wie schnell konnte er sich den Knöchel verstauchen oder gar einen Fehltritt machen!
Da bemerkte er neben sich in der Bergflanke ein aufklaffendes Gittertor. Zuerst hatte es im ungewiß gewordenen Licht wie GestrĂŒpp ausgesehen, doch als Albert nĂ€her heranging, entdeckte er, daß sich hinter dem spĂ€rlichen Unterholz eine Grotte oder gar eine Höhle in den Fels bohrte. Sie war mannshoch, und das offenstehende Gitter wirkte wie eine Einladung.
Höhlen faszinierten Albert. Man konnte sich in ihnen so vieles vorstellen, wenn man sie nicht allzu eingehend untersuchte.
Er erinnerte sich an die unzÀhligen Höhlen und Tunnelsysteme, die das Werk Howard Phillips Lovecrafts durchzogen, und an die grausigen Geheimnisse, die diese lichtlosen Kavernen bargen. Ein wohliger Schauer durchrieselte ihn. Dracula war vergessen. Er machte einen Schritt in die Höhle hinein.
Dunkelheit sprang ihn an. Es war, als sei er vom einen Augenblick auf den anderen erblindet. Beißende GerĂŒche stiegen ihm in die Nase: Erbrochenes, Exkremente. Nach ein paar weiteren Schritten drehte er sich um.
Der Höhlenausgang war kaum mehr zu erkennen.
Hinter ihm raschelte etwas.
Er wirbelte wieder herum und blinzelte in die Finsternis. Das Rascheln hörte auf; einige Minuten herrschte völlige Stille, doch dann setzte ein schabendes GerÀusch ein. Es kam auf ihn zu.
Es klang wie etwas Großes, das ĂŒber den Boden schleifte. Wie etwas sehr Großes.
Albert floh nach draußen. Hinter dem offenen Gitter hielt er kurz an. Das GerĂ€usch war verstummt.

Über den Autor:

Michael Siefener, Jahrgang 1961, arbeitet als Übersetzer und veröffentlicht seit Jahren im Bereich der unheimlichen Phantastik und historische Krimis, neben AnthologiebeitrĂ€gen unter anderem die Publikationen Bildwelten (Hubert Katzmarz), ChimĂ€ren (Gerhard Lindenstruth), Nonnen (Goblin Press, bzw. Heyne), Die Söhne Satans (Die Hanse) und Albert Duncel (Medusenblut)