Medusenblut

Details

Nachtwanderung

Hubert Katzmarz
Medusenblut 15, 135 Seiten, Pb, ISBN 3-935901-06-2
10,00 €

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Aus dem Inhalt:

In den fĂŒnfzehn ErzĂ€hlungen der NACHTWANDERUNG begibt sich der Leser auf eine Reise durch Raum und Zeit in eine phantastische Wirklichkeit hinter und neben unserer Welt. Es sind Geschichten von Menschen, die sich in Labyrinthen verlieren, deren GlĂŒck zu ihrem grĂ¶ĂŸten UnglĂŒck wird, die sich von sich selbst entfremden und in andere Biographien verstricken. Grenzen verwischen, wenn ein wohlsituierter Erfolgsautor zu einem mordlĂŒsternen Ungeheuer mutiert oder der Besuch einer beschaulichen Kleinstadt zu einer existenzbedrohenden Erfahrung wird. Doch gelingt es dem Autor, selbst in den unheimlichsten Begebenheiten Komisches und Groteskes zu verstecken.


Leseprobe:

Irgendwann damals, noch bevor Neandertaler die WĂ€lder durchstreiften, muß das UnglĂŒck passiert sein. Die Vertreibung aus dem Paradies. Vielleicht als zum ersten Mal ein Mensch eine Geschichte erzĂ€hlte, seine TrĂ€ume mitteilte, seine Hoffnungen, und die anderen begannen, das gleiche zu trĂ€umen, zu hoffen. Und schließlich rafften sie sich auf, ihre TrĂ€ume und Hoffnungen in die Tat umzusetzen. So schuf die erste Geschichte, die jemals erzĂ€hlt wurde, die Gesetze der Welt.
Ich stelle mir vor, wie einer unserer Urahnen in die Welt schaute und begriff, daß er nicht nur Teil von ihr war, sondern auch derjenige, der sich Gedanken ĂŒber sie machte. Er sah die Jahreszeiten kommen und gehen, sah Ebbe und Flut, sah auch die Sterne, die Sonne, den Mond, erkannte den Rhythmus, der alles im Gleichklang beherrschte — und war ratlos.
Vielleicht stand er eines Tages am Strand und schaute hinaus aufs Meer bis zum Horizont. Was war dahinter verborgen? Warum entzog es sich seinem Blick? Die Wogen rollten heran, beladen mit Erinnerungen aus unsichtbarer Ferne, und er sah sie wieder zurĂŒckweichen. Wohin? Nahmen sie die Erinnerung an den staunend stehenden Menschen mit auf ihre Reise? Er bĂŒckte sich, las Muscheln auf und anderes Seegetier und betrachtete alles, ohne eine Antwort zu finden. Die Idee des Schiffs war noch nicht in sein Bewußtsein getreten, so konnte er den Wellen nicht folgen hinaus aufs Meer bis hinter den Horizont.
Nachdenklich kehrte er zu seiner Horde zurĂŒck. Man lebte in Grotten an der Oberkante der SteilkĂŒste, wo Sturmfluten nicht hingelangen konnten. In der zugigen Heimstatt empfing das Rasseln von Lungen und Stöhnen unsern Vorfahrn. Er wagte nicht zu erzĂ€hlen von seinen Gedanken ĂŒber das Meer und die Wellen hinterm Horizont. Er mied die Blicke der anderen, und um ihnen zu entgehen, sammelte er draußen Holz fĂŒrs Feuer. Er spĂŒrte Leere und Sehnsucht. Des Nachts lag er wach in der Grotte, wĂ€lzte sich herum, starrte in die Dunkelheit, aber auch dort fand er nicht, was er suchte. Er wußte nicht einmal, was genau er ĂŒberhaupt suchte.

aus: Das Experiment

Über den Autor:

Hubert Katzmarz, geboren 1952 in Recklinghausen, aufgewachsen in Castrop-Rauxel und Gelsenkirchen. Nach dem Abitur Beginn eines Lehramtsstudiums in Essen (Germanistik und Anglistik) und Kontakt zu dem Kommunikationswissenschaftler Prof. Gerold Ungeheuer, bei dem er ab 1976 im Institut fĂŒr Kommunikationsforschung und Phonetik der UniversitĂ€t Bonn seine Studien fortsetzte. An seinem ausgeprĂ€gten Interesse fĂŒr die Literatur, die fĂŒr ihn stets ein Appell an ein GegenĂŒber gewesen ist, entzĂŒndete sich die Frage, auf welche Weise Kommunikation funktioniert und welchen GesetzmĂ€ĂŸigkeiten sie folgt.
Nach einer Studienunterbrechung durch den Zivildienst 1980/81 und dem ĂŒberraschenden Tod seines Professors 1982 beschloß Hubert Katzmarz — wie er sein Alter Ego Bertram Kuzzath sagen lĂ€ĂŸt —, »Schicksal, Neigung und Begabung zu einem Band zu flechten und die Laufbahn eines Schriftstellers einzuschlagen«. Sein Anliegen, sich nunmehr stĂ€rker einer angewandten Form der Kommunikation — also der Literatur — zuzuwenden, bedeutete aber nicht nur, daß er wie schon seit jeher an seinen ErzĂ€hlungen arbeitete, sondern mĂŒndete 1987 auch in der GrĂŒndung eines Kleinverlages. Er machte sich mit der Herausgabe deutscher Phantastik verdient, entdeckte und förderte junge Talente und rĂ€umte den Vertretern einer anspruchsvollen deutschen Phantastik in dem Magazin DAEDALOS (herausgegeben mit Michael Siefener) einen Platz ein.
Krankheitsbedingt mußte Hubert Katzmarz das ehrgeizige Projekt schließlich aufgeben; den Verlag hatte er schon 1996 geschlossen. Er widmete sich nun, soweit seine Gesundheit es zuließ, wieder ganz der eigenen Literatur. Nach seinem Tod hinterließ er ein umfangreiches Werk, das erst in Teilen veröffentlicht ist.
Hubert Katzmarz war verheiratet mit Ellen Norten, die er bereits 1974 kennengelernt hatte.


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