Medusenblut

Details

Der f├╝nfte Erzengel

Andreas Gruber
Medusenblut 9, 149 Seiten, Pb, ISBN 3-00-006298-X
10.00 €

AUSVERKAUFT!

Aus dem Inhalt:

DER F├ťNFTE ERZENGEL beinhaltet neun eindringliche, d├╝stere Horrorerz├Ąhlungen zwischen klassischer Spukhausgeschichte und Lebenserinnerungen eines Kannibalen, von Selbstverst├╝mmelung bis Weltuntergangsszenarien. Die Sammlung ist in zwei Kategorien f├╝r den Deutschen Phantastikpreis 2001 nominiert.


Leseprobe:

Mein Bruder ist entlassen, und ich besuche ihn h├Ąufig in seiner kleinen Wohnung. Stockerau ist eine angenehm ruhige Stadt, und mit der Schnellbahn und dem Bus bin ich von Wien in weniger als einer Stunde dort. Genauso wie ich meidet er den schrillen L├Ąrm aufgebrachter Menschenmengen in Caf├ęs, Superm├Ąrkten und bei Veranstaltungen. In seiner K├╝che sitzen wir oft stundenlang still nebeneinander, w├Ąhrend ich auf die Wand starre, die er mit seinen Gem├Ąlden tapeziert hat. Ansonsten scheint die kl├Ągliche Einrichtung seines Wohn- und Schlafzimmers neben einer Couch nur aus Zeitungen und ├╝bereinander gestapelten B├╝chern zu bestehen, die sich im Raum wie bizarre T├╝rme erheben.
Wenn ich ihm von meinem Job als Paketzusteller oder von meinen langen Spazierg├Ąngen am Wochenende erz├Ąhle, blickt er nur selten w├Ąhrend des Malens auf. Er wippt auf seinem Stuhl nach vor und zur├╝ck, schmiert mit dunklen ├ľlkreiden auf dem am K├╝chentisch ausgebreiteten Zeitungspapier, und wenn er den Mund aufmacht, dann spricht er meistens ├╝ber seine B├╝cher; wirres Zeug ├╝ber K├Ąfer, K├╝belreiter, Hungerk├╝nstler und Strafkolonien. Selten, da├č wir ├╝ber unsere Kindheit sprechen, doch die wenigen Male, in denen ich das Thema anschneide, merke ich, da├č es zumindest mir gut tut, dar├╝ber zu reden. Es ist wie die nachtr├Ągliche Aufarbeitung verdr├Ąngter ├ängste, die ich als Kind nie begriffen habe, und schon bald erliege ich dem Irrtum, da├č es auch ihm nach diesen Gespr├Ąchen besser gehen mu├č.
Als ich ihn an einem Sonntagvormittag im Herbst besuche, mit meinem Schl├╝ssel seine Wohnungst├╝r ├Âffne, vergebens die K├╝che nach ihm absuche und ihn auch nicht im Schlafzimmer finden kann, tippe ich schlie├člich die Badezimmert├╝r mit der Schuhspitze an. Sie schwingt auf, und der Anblick st├╝lpt mir den Magen um. Er liegt zusammengekr├╝mmt in einer dunkelroten Lache. Daneben Rasierklingen und blutverschmierte Schneidewerkzeuge.
Ich kann das schwache Heben und Senken des Brustkorbs kaum noch erkennen, das ihn Sekunde f├╝r Sekunde am Leben zu erhalten sucht, w├Ąhrend es eine weitere Welle Blut aus seinem K├Ârper pumpt.
ÔÇ×Du Idiot!ÔÇť br├╝lle ich ihn an, doch er reagiert nur mit dem Zittern seiner Wimpern.
ÔÇ×Diesmal bist du zu weit gegangen!ÔÇť schluchze ich, stolpere den Korridor entlang, hebe den Telefonh├Ârer von der Gabel, vertippe mich mit zittrigen Fingern und h├Âre endlich die Stimme der Notaufnahme.

Über den Autor:

Andreas Gruber schreibt vorwiegend routinierte Horror- und Science-Fiction-Erz├Ąhlungen unterschiedlicher Spielarten, ver├Âffentlichte bisher in Magazinen (Alien Contact, Fantasia, Solar X u.a.) und Anthologien der Edition Dum und des Aarachne Verlags. Im Sommer 2001 erscheint ein Sammelband mit SF-Geschichten von ihm bei Shayol.


PRESSE

"...Dabei deckt Andreas Gruber ein sehr breites Spektrum ab, angefangen von dem sehr spannenden Wettlauf gegen die Zeit in Die Testamentser├Âffnung ├╝ber die d├╝stere, beinahe klassische Geistergeschichte Duke Man├│r um ein Spukhaus mit einer t├Âdlichen Vergangenheit bis hin zu den finsteren Erlebnissen eines Kannibalen in Der Anthropophag oder der selbst-ironischen Einleitung zu gescheiterten Autoren in Wahrscheinlich ein kaputter Gasherd. Die angeschnittenen Themen wie Kannibalismus, Wahnsinn, Seuchen, Selbstverst├╝mmelung und Tod sind nicht unbedingt leicht verdaulich und sehr erschreckend, wobei es vor allem der Phantasie des Lesers ├╝berlassen bleibt, sich den Schrecken vorzustellen. Der Autor verzichtet dabei auf unn├Âtige Gewalt- oder Ekelszenen, sondern deutet vieles genau soweit an, da├č man sich den Rest sehr gut selbst ausmalen kann. So werden beispielsweise die Erlebnisse des Kannibalen r├╝ckblickend aus seiner Sicht erz├Ąhlt, wobei seine teilweise leicht ironischen Andeutungen wesentlichen erschreckender wirken, als wenn er seine Taten detailliert beschreiben w├╝rde.
Hervorzuheben ist vor allem die Geschichte Der f├╝nfte Erzengel, die diesem Band den Titel gab und die mit Abstand am l├Ąngsten ist. Andreas Gruber gelingt es mit dieser Erz├Ąhlung, die inzwischen im Kino bis zum Abwinken thematisierte Apokalypse nach Wien zu verlegen. Die Geschichte um einen Reporter und eine Mordserie, bei der vier Erzengel und eine religi├Âse Sekte versuchen, das Ende der Welt aufzuhalten, ist spannend und stimmig geschrieben. Vor allem wei├č man bis zum Schlu├č nicht, ob die Sache nun ein gutes oder schlechtes Ende nehmen wird. Selbst wenn Wien meiner Ansicht nach nicht der Ort w├Ąre, um das Schicksal der Welt zu entscheiden, schafft es der Autor, das apokalyptische Thema vor dem sehr allt├Ąglichen Hintergrund ├ľsterreichs gekonnt in Szene zu setzen, ohne das die Verbindung zwischen diesen beiden Elemente k├╝nstlich wirken w├╝rde.
Insgesamt enth├Ąlt Der f├╝nfte Erzengel neun interessante Geschichten, die sich zu lesen lohnen, wenn man bereit ist, sich diesen teilweise sehr d├╝steren Themen zu stellen. Leser, die mit den oben angesprochenen Thematiken jedoch Probleme haben, sollten jedoch vielleicht lieber zu leichterer Lekt├╝re greifen."
Mephisto/Nachtschatten

ÔÇ×...Im Zentrum aller Geschichten steht der Wahnsinn in seinen gef├Ąhrlicheren Spielarten. Die Storys tragen mitunter groteske, aber auch tragische oder traurig-melancholische Z├╝ge.
Seine St├Ąrken beweist der Autor vor allem in den l├Ąngeren Texten. Dort ist gen├╝gend Raum f├╝r sehr gelungene Charakterzeichnungen und treffend naturalistische Szenenbeschreibungen, die nicht ├╝bertrieben k├╝nstlich wirken, sondern schnell auf den Punkt kommen. Schwachpunkte weisen einige Storys in ihren Pointen auf, die nicht wirklich als ├ťberraschung oder H├Âhepunkt der Story wirken. Der erz├Ąhlerische Reigen wird mit einem kurzen, prologartigen Text er├Âffnet. Dieser schildert das Ende einer Schriftstellerkarriere, deren Protagonist sich so gerne im Ruhm seiner Werke sonnen w├╝rde, aber am Ende dem Freitod durch Gas ins Auge blickt.
Der Autor bedient sich einiger bekannter Motive der phantastischen Literatur, so findet man eine richtige Geisterhausstory, die Beichte eines Menschenfressers, etwas ├╝ber die Gefahren einer unerwarteten Erbschaft, entdeckt, da├č die Menschen und die Erde von Aliens ├╝bernommen wurden und von einer schrecklichen Virusseuche heimgesucht werden. All diese Motive setzt der Autor aber in einer satirisch-groteske Art um, so da├č sie kurzweilig bleiben. In Gedenken an meinen Bruder geht dagegen sehr an die Substanz, ist ├Ąu├čerst deprimierend und verunsichernd, damit eines der Meisterwerke des Bandes. Genau wie die Titelstory, die den letzten Kampf der himmlischen gegen die h├Âllischen Heerscharen ank├╝ndigt. Eine Schl├╝sselfigur der Apokalypse ist ein normaler Zeitgenosse, der dieses ihm fremde und unwirklich erscheinende Schicksal erf├╝llt. Vieles bleibt in Andeutungen behaftet und dem Urteil und der Interpretation des Lesers ├╝berlassen. Insgesamt bietet der Band kurzweilige und gruselige Unterhaltung und kann sehr empfohlen werden.ÔÇť
Alien Contact

ÔÇ×...So weit uns in SOLAR-X Andreas Gruber als Autor und Mensch bekannt ist, ist er ein ganz umg├Ąnglicher, freundlicher Zeitgenosse, der sicher keiner Fliege mehr als drei Beine ausrei├čt. Hoffe ich zumindest. Denn das, was er in seinem hier vorliegenden Band erz├Ąhlt, ist der glatte Wahnsinn. (...) Zwei Storys sind es, die absolut ├╝berzeugen. In Gedenken an meinen Bruder ist eine ├Ąu├čerst deprimierende, verunsichernde Psychostudie ├╝ber die fatalen Folgen einer vermurksten Kindheit. Ein Geschwisterpaar mu├č den gewaltsamen Tod ihrer Mutter miterleben, den ihr Vater verursacht hat. F├╝r beide endet dies in einem verhunzten Leben in Wahnsinn, Selbstverst├╝mmelung und Depression. Der Text geht m├Ąchtig an die Nieren, sollte man drauf vorbereitet sein!
Ansonsten beflei├čigt sich der Autor eines eher satirisch-distanzierten Tons, nimmt sich daf├╝r einschl├Ągig bekannte Motive und Topoi des Genres vor und gewinnt ihnen durch verknappte Darstellung und Konzentration auf seine Figuren neue Aspekte ab. So tauchen wir in ein Geisterhaus ein, Erleben mit, was passiert, wenn man unerwartet erbt, in welche Seelenzw├Ąnge ein ambitionierter Pater ger├Ąt, dem gebeichtet wird, da├č gleich ein Mord geschehen wird, lernen einen fast sympathischen Menschenfresser kennen und m├╝ssen wieder einmal erfahren, da├č Aliens uns l├Ąngst ├╝bernommen haben und ansonsten eine gef├Ąhrliche Virusseuche allen zuk├╝nftigen Planungen einen geh├Ârigen Strich durch die Rechnung macht.
Durch alle Geschichten zieht sich wie ein blutroter Faden der Wahnsinn, der in immer anderen Ausdrucksformen aus den Seiten quillt.
Neben diesen Kleinodien findet man aber noch einen l├Ąngeren Text, die Titelstory, die auch die zweite der besten Storys des Bandes ist.
Nun ist das Thema der letzten Schlacht zwischen himmlischen und satanischen Heerscharen nicht mehr aus der gegenw├Ąrtigen Kinolandschaft wegzudenken, auch nicht die leicht blasphemische Sichtweise, da├č v├Âllig unklar ist, wer denn von beiden Seiten nun der moralisch Bessere sei, doch fasziniert dieses Thema immer wieder und immer noch.
Der ÔÇ×HeldÔÇť ist nat├╝rlich ein ganz normaler Looser wie du und ich, der ungewollt und bis zum Schlu├č kaum begreifend, eine Schl├╝sselfigur zur Vorbereitung der Apokalypse ist. Er erf├╝llt sein Schicksal; was daraus folgt, verr├Ąt der Autor uns nicht. Auch l├Ą├čt er vieles im Unklaren, im Status des Angedeutetwerdens, und beleibt damit der Interpretation des Lesers vorbehalten. So kann man mit diesem religi├Âs gef├Ąrbten Thema spannend und sacht und angemessen genug umgehen.
Die Geschichten sind allemal des Lesens wert. Nur ein Text ist den SOLAR-X-Lesern bekannt, wurde aber f├╝r diese Ausgabe ├╝berarbeitet.
Diese neue MEDUSENBLUT-Publikation beweist, da├č Phantastik in deutscher Sprache l├Ąngst noch nicht am Ende ist, gar boomt! (...) die Phantastikszene, die sich zur Zeit gerade im Kleinverlagswesen etabliert und entwickelt hat, ist gerade jetzt sehr faszinierend und vielf├Ąltig.
Die Edition MEDUSENBLUT hat mit diesem Band beweisen, da├č sie voll und ganz in die erste Reihe der Szene geh├Ârt!ÔÇť
Solar X