Medusenblut

Details

Das Anankastische Syndrom

Eddie M. Angerhuber
Medusenblut 12, 139 Seiten, Pb, ISBN 3-935901-02-X
10.00 €

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Aus dem Inhalt:

DAS ANANKASTISCHE SYNDROM versammelt acht phantastische, seltsame und schwarzromantische ErzĂ€hlungen abseits der gĂ€ngigen Pfade moderner Phantastik und fĂŒnf s/w Illustrationen von Thomas Wagner.


Leseprobe:

Ich wußte, wenn jemand die Kraft besaß, diese TrĂ€ume heraufzubeschwören, dann mußtest du das sein. Du, kein anderer.
Denn nur du besaßest eine Seele, die schwarz genug war, um ihre Dunkelheit in die Seelen anderer ausbluten zu lassen und sie anzustecken und in ihnen die sĂŒĂŸe Sehnsucht nach allumfassender Hingabe zu erwecken. Nur du kanntest die geheimen Worte der Hymne an die Nacht.
Ich las von den Dingen, die du getan hatttest. Ich hatte immer gewußt, daß es dir möglich war, deine Gestalt zu wechseln und in einer der mĂ€chtigen, archaischen Formen der Nacht umzugehen. Ich hatte immer die unerhörten Taten erahnt, die du verĂŒbt haben mochtest. Ich hatte deinen Ruf gehört, der von weither zu mir schallte, wenn das Brausen der Stille mein nĂ€chtliches Zimmer erfĂŒllte. Und in deinem Buch las ich von einem Ort, von einem wohlverborgenen Ort, den ich niemals aufgesucht hatte und der das Zeugnis deines Wirkens bildete. In derselben Nacht beschloß ich, diesen Ort aufzusuchen, und sollte ich den Rest meines Lebens nach ihm forschen mĂŒssen.

Heimlich nahm ich meine nĂ€chtlichen Wanderungen wieder auf, die ich vor Jahren ausgesetzt hatte. Ich stahl mich aus dem Haus, vorbei am Schlafzimmer meiner Eltern, barfuß die Treppe hinunter und aus der HintertĂŒr in ein Reich aus Mondlicht und AltweibersommerfĂ€den, die schimmernd wie Seide von den herbstlichen Zweigen der ObstbĂ€ume flossen. In den Straßen rannen stille KanĂ€le, deren Fluß keinen Ton erzeugte und deren Wasser sich nicht bewegten. In ihnen spiegelten sich nur die Kronen der schwarzen BĂ€ume am Straßenrand. Und die HĂ€user der Nachbarschaft schienen in nokturner VerĂ€nderung; in sich zusammengesunken, bildeten sie formlose Klumpen. Nur die in den Himmel gereckten Antennen und Kamine schwankten sichtbar, obwohl kein Windhauch die sternenlose Stille dieser kĂŒnstlich ausgedehnten Nacht aufrĂŒhrte. Ich ĂŒberzeugte mich davon, daß die RealitĂ€t nur Schein war, und erkannte, daß alle Dinge einem stĂ€ndigen Wandel unterworfen sind, den der Mensch nicht beeinflussen kann. Aller Drang nach BestĂ€ndigkeit kann nur zu Frustration und Verzweiflung fĂŒhren. Ich erkannte den Wandel der Dinge in der BestĂ€ndigkeit deines Wesens, der du mich nicht verlassen hattest. Und ich folgte deinem Ruf in dein tiefstes Domizil, wohin dir niemand zuvor je gefolgt war. Ich beschwor dich beim Licht des Mondes und im tiefsten Dunkel verborgener Winkel, zu mir zurĂŒckzukommen und dich mir zu zeigen. Ich fĂŒhlte mich bereit, deine Offenbarungen zu ertragen, und wĂŒnschte nichts mehr, als daß sich dein Wille an mir erfĂŒllte. Aber noch warst du nicht bereit, mich zu erhören ... noch war die Zeit nicht gekommen.

aus: Hymne an die Nacht

Über den Autor:

Eddie M. Angerhuber ĂŒberzeugt ihre Leser mit intensiven Bildern und eigenwilligen bizarren EinfĂ€llen. Neben einer Reihe von AnthologiebeitrĂ€gen und Heftveröffentlichungen erschienen von ihr unter anderem die SammelbĂ€nde In Asmodis Haus – romantische Spukgeschichten (Goblin Press) und Die verborgene Kammer – seltsame Visionen (Edition Metzengerstein), der Roman Das Verborgene (Klaus Bielefeld Verlag) und das Hörbuch nocturne produkte (BĂ€renklau Verlag).


PRESSE

"Es gibt im Momente, da beginnt die Prosa im Kopf des Lesers ihr Eigenleben zu entwickeln. Sie erhebt sich und bildet neue Bilder - erweckt so ein GefĂŒhl des Schwebens. Dieser Zustand zeugt von einer Gewandtheit des Autors im Umgang mit der Sprache, die nicht alltĂ€glich ist. Diesem PhĂ€nomen begegnet man bei der LektĂŒre von Eddie M. Angerhubers Geschichten in „Das Anakastische Syndrom“.
Acht unheimliche Geschichten von Deutschlands visionĂ€rsten Phantastik-Autorin erwarten den Leser im vorliegenden Band aus dem Medusenblut Verlag. Wie immer gelingt es Eddie M. Angerhuber, mit den Geschichten Verstörung hervorzurufen, die noch nach Ende der LektĂŒre im Leser nachschwingt. Ein besseres Urteil fĂŒr die QualitĂ€t von Horror Stories kann es nicht geben.
Thomas Ligotti vergleicht die Werke der Autorin mit den Geschichten von Stefan Grabinski und Thomas Owen Ich denke, dass sie aber in vielen Bereichen ĂŒber die traditionelle Horrorstory hinausgeht. Ihre Geschichten bewegen sich teilweise auf eine Parallelbahn zu Ligotti zu, bleiben dabei aber anders - angerhubertypisch eben.
Die Story "Das Anankastische Syndrom" beispielsweise saugt geradezu in der Schilderung einer degenerierten Stadt einen Geist, den Ligotti erdacht haben könnte (ich sehe darin Elemente aus "Der Schatten am Grunde der Welt" und "In a foreign town...") - und das ist keinesfalls negativ! Im Gegenteil – Eddie M. Angerhuber bewahrt sich eine eigenstĂ€ndige AusprĂ€gung, und das ist es, was die Autorin vom Epigonentum abhebt. Es sind hierbei die Detailbeobachtungen ("Der blaue Stern"), die mit gekonnten Vergleichen die Prosa in eine Art Schwebezustand versetzen - etwas Traumhaftes, das aber in der RealitĂ€t verwurzelt ist. Es weist ĂŒber den bloßen Schein hinaus...dahin, wo das Schreckliche seine Maske abnimmt.
„Solo fĂŒr eine Königin“ greift das Thema der lebenden Puppen auf, das schon E.T.A. Hoffmann inspirierte. Doch im Gegensatz zu Hoffmann, wird die Sicht der Lesers auf die Ereignisse in der Geschichte durch die Wahl einer Ich-ErzĂ€hlform stark beeinflusst. Die Imaginationskraft muss dem Leser beistehen, um ein subjektives Bild der VorgĂ€nge zu erhalten. Inwieweit die Hauptperson sich die Handlung einbildet, muss also vom Rezipienten entschieden werden.
Die Inhalte der Geschichten von E.M.Angerhubers Band „Das Anankastische Syndrom“ nĂ€her zu beschreiben, wĂŒrde der Faszination, welche von diesem Buch ausgeht, schĂ€dlich sein. Es kann dem Leser von ernsthafter Phantastik nur eine dringende Kaufempfehlung angeraten werden, denn das Buch wird sicherlich bald vergriffen sein und als SammlerstĂŒck den Weg in die Herzen der Horrorfreunde finden."
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