Medusenblut

Details

Wirrnis

Marcel Feige / Michael Siefener
Medusenblut 8, 120 Seiten, Pb, ISBN 3-00-003917-1
9.00 €

AUSVERKAUFT!

Aus dem Inhalt:

WIRRNIS beinhaltet zwei unterschiedliche ErzÀhlungen. Grenzen von Marcel Feige handelt vom realen Grauen, von Einsamkeit und Verbitterung. Michael Siefeners Die verwirrenden Erlebnisse des Erich Diefenbach ist eher der klassischen Phantastik verpflichtet und thematisiert die Einsamkeit eines TrÀumers.


Leseprobe

TrĂ€umen Sie manchmal? Ich rede nicht von jenen zumeist sinnlosen Gesichten, die uns Nacht fĂŒr Nacht heimsuchen, uns belustigen oder Ă€ngstigen, denn sie sind nichts anderes als die zerbrechlichen Einfriedungen gegen das, was uns von außen belagert. Nein, ich möchte Ihnen von TagtrĂ€umen, von Visionen, von WunschtrĂ€umen erzĂ€hlen. Gibt es in Ihrem Leben nicht etwas, das Sie sich herbeitrĂ€umen möchten? Tun Sie es lieber nicht.
Sie fragen sich, was denn an solchen WĂŒnschen schlecht sei. Nun, bisweilen erfĂŒllen sie sich auf eine Art, die - wenn ich mich vorsichtig ausdrĂŒcken darf - unerwartet ist. Ein Traum wird wahr, schafft sich seine eigene RealitĂ€t, aber: unterschĂ€tzen Sie nicht die Macht der Phantasie. Sie könnten ihr Gefangener werden.
Sie wollen wissen, was ich mit meiner Einleitung bezwecke? Oh, ich könnte mich noch lange theoretisch ĂŒber dieses Thema auslassen, aber das ist sinnlos. Daher will ich Ihnen - Ihre gĂŒtige Erlaubnis vorausgesetzt - die Geschichte des Erich Diefenbach erzĂ€hlen. Nehmen Sie sich die Zeit, ihr zuzuhören.
Wo soll ich beginnen? Ich bin im GeschichtenerzĂ€hlen nicht geĂŒbt. Es gibt so vieles, was ich Ihnen ĂŒber unseren Fall mitteilen möchte, doch ich muß auswĂ€hlen und darf nicht in sinnlosen Details versinken.
Erich war ein glĂŒckliches Kind. Dies sagten zumindest seine Eltern. Er war ruhig, machte sich nie schmutzig und ließ sich geduldig als angeblicher Musterknabe herumzeigen. Zufrieden aber war er nur in den seltenen Augenblicken, wenn sich niemand mit ihm beschĂ€ftigte oder etwas von ihm verlangte. Er haßte es, sonntags herausgeputzt zu werden, um anschließend auf der Straße wie ein ausgefĂŒhrter Hund hinter seinen Eltern herlaufen und die neidisch-sĂŒĂŸen Kommentare der Passanten wie "nein, Herrgottchen, ist das ein niedlicher Fratz" und dergleichen hören zu mĂŒssen.
Seine Eltern hatten ihre Freude an ihm, und er spielte seine Rolle. Manchmal versuchte er sich zu wehren, doch die LiebenswĂŒrdigkeit seiner Eltern ließ all seine BemĂŒhungen wie in einer Wattewand enden. In seiner engen Welt blieb kein Platz, zu dem er sich zurĂŒckziehen konnte; die einzige Bastion, die niemand einzunehmen vermochte, war seine Phantasie. Ich will Sie nicht mit den Inhalten der kindlichen TagtrĂ€ume langweilen, in die er sich flĂŒchtete. Es war nur ein zaghafter Beginn im Vergleich zu dem, was spĂ€ter folgen und sein Leben buchstĂ€blich auflösen sollte.
Die Schule - heiß herbeigesehnt, eine imaginierte Flucht - erwies sich als Katastrophe. Können Sie sich vorstellen, was geschieht, wenn ein affig-grotesk getrimmter Pudel zu einem Wolfsrudel gefĂŒhrt wird? Von nun an hatte er an zwei Fronten zu kĂ€mpfen. Da ist es nicht verwunderlich, daß die fĂŒr ihn einzig wahre Welt die seiner Gedanken wurde. Er lernte auffallend schnell zu lesen, und er verschlang beinahe jede Art von LektĂŒre, die seine Phantasie anzuregen vermochte. Die BĂŒcher hingegen, die Erichs Eltern und Verwandte ihm eher widerwillig schenkten - denn sie erachteten sie als unpassende Gaben fĂŒr einen Jungen -, wĂŒrdigte er kaum mehr eines Blickes, nachdem er seine pflichtschuldige Dankbarkeit geheuchelt hatte. Es war nur lĂ€cherlicher Kinderkram, dessen primitive Aufmachung und Themen ihn beleidigten. Rasch hatte er fĂŒr sich die Literatur des Unmöglichen und Unheimlichen entdeckt. Sie bot ihm in vollendeter Weise die heiß begehrten Refugien, in denen er die TrĂŒbsal seines Alltags vergessen konnte. Oft kam es vor, daß seine Eltern ihn bei dieser LektĂŒre erwischten, die sie als Schund bezeichneten, daß sie ihm seine BĂŒcher wegnahmen und in die MĂŒlltonne warfen. Erich ließ diese DemĂŒtigungen klaglos ĂŒber sich ergehen. Wie oft aber wĂŒhlte er nachts in der MĂŒlltonne vor dem Haus herum und barg seine SchĂ€tze wieder! Er lernte, elternsichere Verstecke anzulegen, und wenn der BĂŒchervorrat, den er sich von seinem Taschengeld erkauft hatte, wieder einmal zu groß geworden war, um weiterhin unentdeckt bleiben zu können, suchte Erich schweren Herzens die MĂŒlltonnen der Nachbarschaft auf und entsorgte dort heimlich jene BĂ€nde, von denen ihm eine Trennung am leichtesten fiel.
Es dauerte lange, bis Erich sich endlich stark genug fĂŒhlte, seine Phantasien zu verteidigen. ...“
Aus: Michael Siefener, Die verwirrenden Erlebnisse des Erich Diefenbach

Über den Autor:

Marcel Feige ist seit Beginn 1998 als freier Publizist tÀtig. Er machte sich in den letzten Jahren vor allem als Autor von Lexika einen Namen, so das Alien-Lexikon und eines zu Stephen King. Im August 2000 erschien sein erster Roman im Zaubermond Verlag, WÀchter der Gerechten.
Michael Siefener arbeitet als Übersetzer und veröffentlicht seit Jahren im Bereich der unheimlichen Phantastik, neben AnthologiebeitrĂ€gen die Publikationen Bildwelten (Hubert Katzmarz), Tage im Hotel (Goblin Press), Nonnen (Goblin Press, bzw. Heyne) und Das Reliquiar/Die WĂ€chter (Edition Metzengerstein, bzw. Blitz).


Presse

"Das wahre Grauen sind die DÀmonen in uns. Zwei ErzÀhlungen, die in die Untiefen menschlicher Seele blicken."
Lesen & Leute

"Die ErzÀhlung Grenzen ist wirklich gelungen. Und sie hat tatsÀchlich eine grausame AktualitÀt."
WZ Krefeld

"Zwei Novellen, zwei Talente!"
Der bizarre Basar

„Dieser Band enthĂ€lt zwei ErzĂ€hlungen: Grenzen stammt von Marcel Feige und handelt von dem frustrierten Lehrer Wilhelm, dem die Frau davongelaufen ist. Parallel dazu erhĂ€lt man Einblicke in die Problemwelt eines SchĂŒlers, der stĂ€ndig von seiner Mutter drangsaliert wird. In einer Schulstunde kreuzen sich die Wege der beiden vom Leben enttĂ€uschten Menschen, was sicherlich zu keinem Happy-End fĂŒhrt.
Michael Siefener erzĂ€hlt uns dagegen Die verwirrenden Erlebnisse des Erich Diefenbach, in denen es um einen Bibliothekar geht, der sein ganzes Leben lang von einer aus geheimnisvollen BĂŒchern bestehenden Bibliothek trĂ€umt, bis er durch Zufall eine Anstellung in einem ominösen Schloß erhĂ€lt, wo sein Traum wahr zu werden scheint.
Die in Wirrnis enthaltenen Geschichten unterscheiden sich wie Tag und Nacht und ergĂ€nzen sich gerade deshalb hervorragend. Marcel Feiges Beitrag ist „real horror“ und somit nĂŒchtern, deprimierend und nihilistisch, wohingegen Michael Siefeners Story einen klassischen Vertreter der Weird Fiction darstellt. Die Anspielungen auf Lovecraft sind unverkennbar, und es darf ruhigen Gewissens behauptet werden, daß der Cthulhu-Schöpfer von Siefeners Geschichte sicherlich beeindruckt gewesen wĂ€re. Der Text wirkt richtig unheimlich, dĂŒster und beklemmend, denn er enthĂ€lt so gut wie alle Eigenschaften, die anspruchsvolle Weird Fiction auszeichnet. Lediglich der Schluß ist etwas seltsam geraten, wobei es fĂŒr eine solch absonderliche Story auch Ă€ußerst schwierig ist, ein passendes Ende zu finden, mit dem alle Leser zufrieden sind. Das ist aber halb so schlimm, denn unterhaltsam sind die verwirrenden Erlebnisse auf jeden Fall!
Fazit: Zwei kleine, grandios geschriebene Perlen, die man sich nicht entgehen lassen sollte.“
Doom