Medusenblut

Details

Dionysos tanzt

Boris Koch
Medusenblut 14, 141 Seiten, Pb, ISBN 3-935901-05-4
10.00 €

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Aus dem Inhalt:

DIONYSOS TANZT ist die dritte Sammlung mit phantastischen Erzählungen vom Medusenblut-Mastermind, AKW-Trinker, Mephisto-Wortmetzler und Extrem-Urlauber in allen Höllen.


Leseprobe:

Doch der Text lässt sich nicht fassen. Er liest den ersten Satz des Kapitels wieder und wieder. Die halbnackten Trachtenelfen sind aus seiner Einbildung verschwunden, aber sein Hirn kann den Text einfach nicht aufnehmen. Klaus klebt seine Nase praktisch auf die Seiten, stiert mit den Augen auf die widerspenstigen Buchstaben und nimmt sogar seinen rechten Zeigefinger zu Hilfe. Wie in der ersten Klasse, ein unbeholfener Grundschüler, der das Lesen neu erlernt. Er will die Buchstaben auf ihrem Platz festnageln, doch sie winden sich auf den Seiten wie Schlangen, ein kleiner Strich eines großen ”E” löst sich, lässt ein neu geformtes ”F” zurück und kriecht zu einem ”I”, mit dem zusammen er einen neuen Buchstaben bildet, ein ”L”. Und dann scheint es, als würde die oberste Schicht von dem Papier herunterfließen, das schwarz gesprenkelte Weiß rinnt aus dem Buch, sickert in sein blaues Kopfkissen und hinterlässt dort Flecken, große milchige Flecken, als hätte ein Gott in sein Bett masturbiert. Er wundert sich über diese Assoziation, aber das Geschehen ist zu unglaublich, um jetzt über schräge Bilder nachzudenken oder den Blick länger von den Seiten zu heben. Unter der abgelösten Schicht kommt etwas Neues hervor, ein Text, dessen Buchstaben er so wenig kennt wie die auf dem Diskos von Phaistos. Und doch versteht er die fremde Schrift intuitiv, nachdem die vertraute Sprache ihm fremd geworden ist, unlesbar. Klaus liest und schüttelt sich, der Text spricht von Chaos, Nihilismus, Blut, seelenlosen Städten, Schleim, Qualen und dem menschlichen Niedergang, von der Wahrheit hinter den Dingen, von der Substanz unter dem Lack des industrialisierten Lebens.
Klaus blickt auf. Nicht nur die Schrift, das ganze Zimmer hat sich verändert. Eine Flüssigkeit rinnt in zähen Bahnen die Wände hinab. Die Farbe der trockenen Partien blättert ab. Die neuen Plakate sind rissig und zeigen andere Szenen. Amelie blutet aus Nase und Mund in die Seine und über die Szene hinaus, die Tropfen fallen auf den toten Shrek und seine ihn ausschlachtenden Freunde darunter. Die Prinzessin nimmt das Geld, der Esel brät Leber und Nieren, und Klaus schreit.
Es riecht metallisch, schimmlig, dreckig. Er denkt an frisch aufgebrochene Wunden, die von den Klammern mühsamer Chirurgie nicht mehr gehalten werden können. Kleine, schwarze Insekten krabbeln über die Wände, nuckeln an der sirupartigen Masse. Ein ölig schillernder Käfer landet rauchend auf seiner Hand. Klaus schüttelt ihn ab, kann ihn nicht erschlagen, will jede Berührung vermeiden. Ekel würgt ihn, etwas tropft in sein Haar.

aus: Lesen bildet

Über den Autor:

Boris Koch veröffentlicht seit 1993 Erzählungen in Magazinen und Anthologien. 1997 erschien der Abenteuerroman 365 Grad bei Goblin Press, der in Zusammenarbeit mit Jörg Kleudgen entstanden war, 1998 seine erste Sammlung Hirnstaub. Darauf folgten weitere Phantastik- und SF-Veröffentlichungen. Er ist Redakteur der Magazine Mephisto und Dragon.


PRESSE

"Boris Koch hat sich im Laufe der letzten Jahre zu einem exzellenten Erzähler entwickelt. Seine Vielseitigkeit als Autor konnte er in seinen Erzählungsbänden – allein oder gemeinsam mit Christian von Aster – bereits mehrfach unter Beweis stellen. (...) Zur erzählerischen Bestform läuft Koch immer dann auf, wenn er klassische Horror-Themen in der modernen Welt ansiedelt, wie zum Beispiel in der Vampirgeschichte »Jo«. Aber auch zwei herrliche Absurditäten sind in diesem Band zu finden: die Zwei-Seiten-Geschichte »Monoleben« und sexuelle Groteske »Manneskraft«. Vielleicht wirken Kochs Erzählungen gerade deshalb so überzeugend, weil er im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen sexuelle Themen nicht ausspart, sondern selbstverständlich in die Texte integriert, ohne dass sie peinlich wirken.
Höhepunkt des Buches ist die Erzählung »Martina«. Der Ich-Erzähler berichtet über seine jugendliche Freundin Martina, die eine Musikliebhaberin ist. Als sie eines Tages im Wald angeblich eine unvergesslich großartige Melodie gehört hat, wird ihre Liebhaberei jedoch zur Besessenheit. Martina ist kaum noch wiederzuerkennen, und schließlich vergisst sie sich selbst ...
– eine der besten Geschichten der deutschen Phantastik in den letzten Jahren. Allein dieser Text rechtfertigt die Anschaffung des Erzählungsbandes. – Boris Koch gehört neben Malte Sembten zweifellos zu den talentiertesten deutschen Autoren der dunklen Phantastik."

AC-AWARD

Alien Contact


"Beginnen wir diesmal von hinten, denn die letzte Story ist die längste des Bandes und für meine Begriffe auch die beste. Und sie weist in eine ferne Zeit zurück - in der persönlichen Schaffensgeschichte des Autors - denn sie greift ein Thema auf, das der Autor bereits unter dem Titel "Martin" in einem der allerersten Goblin Press Bände, in "Der Alp" aus dem Jahre 1993, behandelt hatte, damals in gerade mal zwei Seiten.
(...)hat der Autor wirklich etwas zu erzählen, feilt seine Charaktere aus, gibt ihnen ein Gesicht, das man auch nicht so schnell wieder vergisst.
Martina ist eine etwas seltsame junge Dame, noch Schülerin, die aus einem zerrütteten Elternhaus kommt, am Ende allein lebt. Der Erzähler, der zwar ein Junge, aber dennoch nicht mehr als ein guter Freund ist, erinnert sich an sie; selbst längst saturiert, verheiratet, gut aufgehoben und dennoch voller Sehnsucht nach einer verschwundenen Zeit.
Es geht viel um Musik in der Story, aber nicht zum Selbstzweck, denn eine Meldodie setzt sich bei einem Waldspaziergang Martina in den Kopf, und sie wird dieses Lied nicht wieder los, sucht fanatisch nach dessen Herkunft. Parallel dazu werden seltsame Wildtierschlachtungen ruchbar. NatĂĽrlich hat das alles miteinander zu tun, und es gibt kein happy end.
Die Stärke in dieser und anderen Erzählungen von Boris Koch liegt in der menschlichen Dimension. Der Autor zeigt keine strahlenden Superhelden oder eindimensionale Verlierertypen als geborene Opfer, auch wenn er eine deutliche Neigung zur Darstellung letzterer hegt. Seine "Helden" sind Menschen aus Fleich und Blut und anderen Körperflüssigkeiten, wie man insbesondere in den hier versammelten Stories zu spüren bekommt. Der Titel des Bandes kommt nicht von ungefähr; in einer Einleitung lässt Boris einen Jungen erzählen, wie er von einem Freund sehr nachdrücklich davon überzeugt wurde, dass Dionysos, der antike Gott des Weines, des ausschweifenden Lebens, des Rausches, des Triebes doch die interessantere mythologische Figur ist, im Gegensatz zur Ares und Zeus, die der Junge zuvor favorisierte.
Dieser Disput erinnert ein wenig an Nietzsche und seine Unterscheidung zwischen apollonischem und dionysischem Prinzip als Grundlage von Kunst und Kultur. Nun, mich persönlich hat auch immer eher das dionysische Prinzip begeistert; den Autor offensichtlich auch.
(...) "Monoleben" ist wieder einmal ein Stückchen aus Boris’ Grotesken-Kiste, die offensichtlich immer noch mal gefüllt wird. Gut so! Eine hübsche Parade von quasi "anti-dyonisischen" Versatzstücken, die ein monotones Leben kennzeichnen, welches entsprechend bestraft wird. Ein Text-Quickie. Kurz und sch(m)erzhaft.
"Lesen bildet" - eine 0-8-15-Weisheit. Hier wird diese aber sehr kafkaesk aufgegriffen und ins Absurde gezogen. Einem Leser gelingt es nicht, sich auf den Inhalt eines ReisefĂĽhrers fĂĽr die Alpen zu konzentrieren und wird beim / durchs Lesen in eine Alptraumwelt entfĂĽhrt - ein weites Feld fĂĽr des Autors ĂĽberbordende Wortspiel; ein sprachliches Feuerwerk, das um seiner selbst willen existiert; aber vielleicht ist mir der tiefere Sinn auch nur entfleucht?
"Manneskraft" ist nun eine ziemliche "unter der GĂĽrtellinie"-Story. Der Wunsch eines Mannes, omnipotent zu sein, wird sogleich vom ollen Mephisto erfĂĽllt; der Pakt wird ĂĽbrigens nicht mit Blut sondern Sperma unterzeichnet, d.h. "unterzeichnet" wird gar nichts, der Deibel schluckt das Zeug. Nun ja, solcherlei Dinge passieren dann am laufenden Band, was aber keineswegs zur ersehnten Befriedigung des Mannes fĂĽhrt, eher zu Dauerfrust, auch dann, als er gar kein Mann mehr ist.
"Jo" ist mir ein alter Bekannter - aus einem Vampir-Sampler von Meister Aster. Hier hat Boris aber löblicherweise die Geschichte noch mal überarbeitet. Man erinnere sich: Da lernt ein bei Frauen wenig erfolgreicher junger Mann einen wahren Hengst von Mann kennen, der aber seine wahre sexuelle Befreidigung erst erfährt, wenn er das Blut der Damen trinkt. Ein Vampir. Und dieser muss sich mit einem weiblichen Vampir auseinandersetzen.
In der überarbeiteten Fassung erzählt der Vampir, wie er einst zu Zeiten Karls des Großen seine "Begabung" wahr nahm, die er zunächst als Fluch empfand und mit der er umzugehen lernen musste. Und es wird ausführlicher auf die Dualität mit dem weiblichen Vampir eingegangen, zumindest kommt es mir jetzt deutlicher vor. Was auch stärker angesprochen wird, ist der latent homoerotische Unterton der Story.
"Die Knochenfrau" ist ebenfalls eine alptraumhafte Absurdiade: Ein Mann träumt von einer tollen sexuellen Begegnung, die aber damit endet, dass die Vollbusige ihm das Herz via in den After eingeführten Knochen aussaugt. Fortan lebt er ohne Herz, die Blutversorung übernimmt sein Penis. In der Welt, in der er aufwacht (?) gibt es einen Knochenraum, der ihm jeden Wunsch erfüllt, aber nie so, wie er meint, dass er es sich wünscht. Vielleicht ist die Geshichte eine freudianisch-sexuelle Variante vom Märchen vom kalten Herzen?
(...) Der Band ist eine Wucht! Boris Koch kann schreiben und erzählen. Keine Ahnung, warum er seine Texte immer noch selbst verlegen muss. Alledings ist die Form dieser Publikation sehr professionell; übrigens mit sehr schönem Einband, der weniger auf Farbenprächtigkeit setzt, dafür mit Mitteln der Typografie die Blicke fesselt. (...)

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