Medusenblut

Details

Bald

Christian von Aster, Boris Koch
Medusenblut / Midas, 129 Seiten, Pb, ISBN 3-935901-04-6
10.00 €

Aus dem Inhalt:

BALD fĂŒhrt CloneOvernight 6 verschiedene Modelle, eröffnet das transkontinentale Postamt Pödlitz, besiegelt Hank Williams das Schicksal der Welt, zeigen mechanische KĂŒhe ihr wahres Gesicht, mottet man den elektronischen Prediger ein, quĂ€len Außerirdische halbnackte MĂ€dchen, fusionieren Cyberus Corp und Sectech, wird prĂ€natales Kinddesign erschwinglich, werdeb Piraten AMRAG d/n bedrohen, wird Cyberokkultismus Alltag werden, arbeiten die Telepathen fĂŒr den Staat, schĂ€nden Menschen Maschinen, fliegt die Pioneer irgendwie heim.
Boris Koch und Christian von Aster versammeln in ihrer zweiten SF-Sammlung nach Das Goldene Kalb 14 unterschiedliche ErzĂ€hlungen von bedrĂŒckender Zukunftsvision bis abstruser Groteske.


Leseprobe:

Das Reden ĂŒber Sex hat zugenommen, doch in den letzten zwanzig Jahren habe ich gelernt, dass gerade in dem Bereich vieles nur Show ist. Mark Seidel, ein Freund aus Schulzeiten, hat sich letztes Jahr an einem Wochenende 111 Packungen der DarkPower Kondome gekauft, alle Gummis weggeworfen und die 666 Sammelpunkte auf dem Karton mit der Kindergartenschere seiner Tochter Cindy ausgeschnitten. Er benutzte keine Kondome, seine Frau nahm die Pille und er war ihr treu. Aber fĂŒr die Sammelpunkte bekam er die schwarz glĂ€nzenden DarkPower Handschellen mit reflektierendem Logo, das von der Werbung gepushte Statussymbol fĂŒr Manneskraft, das er fĂŒr GĂ€ste gut sichtbar in der Garderobe aufbewahrte. Es sagte: Mark ist ein Hengst. Er hat schon Kondome fĂŒr 666 Punkte verbraucht und praktiziert verruchte Fesselspiele. In Wahrheit hatte seine Frau kein Interesse an Spielchen, wie er mir nach ein paar freundschaftlichen Bieren gestand, und den SchlĂŒssel hatte Cindy nach zwei Wochen im Sandkasten verloren. Trotzdem polierte seine Frau die Handschellen auf dem Flur fleißig, und Cindy fragte sich, ob ihr Vater nicht doch im Geheimen bei der Polizei arbeitete.
Gerd Owen war da schon ein anderes Kaliber, er hatte sich die modernste Dames de voyage auf dem Markt gekauft, die Claudia de luxe. Keine aufblasbare Gummipuppe, sondern eine massive Liebesdienerin mit aufwendiger Sprachausgabe und perfekt simulierter Vagina. Mehr Bastler als Sexmaniac tunte er die Puppe in unzĂ€hligen Stunden selbst, hauchte der Zunge fĂŒr den Oralverkehr Leben ein, brachte ihrer Hand bei, ihn zu befriedigen und speicherte ĂŒber zweihundert aufreizende SĂ€tze in ihr Sprachzentrum. In Deutsch, Französisch und Englisch. Jedes Mal, wenn ich bei ihm vorbeischaute, fĂŒhrte er mir einen neuen vor. Und immer saß Claudia in seinem Wohnzimmersessel, gut sichtbar fĂŒr die seltenen Besucher.
Angeblich plagte ihn ein schlechtes Gewissen deswegen, und er arbeitete mit dergleichen Technik parallel an einem elektronischen Prediger, den er im Keller versteckte, und den er dem Vatikan zum Kauf angeboten habe. Das halte ich allerdings fĂŒr Unsinn, ich habe den Prediger nie gesehen.

aus: Boris Koch, Roboterliebe

Über den Autor:

Christian von Aster veröffentlicht seit Jahren SammelbĂ€nde und HörbĂŒcher seiner ErzĂ€hlungen in seinem Verlag Midas Publishing, darunter die Sammlungen Liber Vampirorum, Die Karawane der Diebe und Das Kobolticum. Hinzu kommen der Medusenblut-Band Websters PandĂ€monium und ErzĂ€hlungen in Anthologien (u.a. Festa-Verlag), Comic-Texte (EEE), ein Horror-Lexikon im Lexikon Imprint Verlag, verschiedene DrehbĂŒcher und einiges, das hier ungesagt bleiben soll.

Boris Koch veröffentlicht seit 1993 ErzÀhlungen in Magazinen und Anthologien (Der agnostische Saal, Arkham, Tod eines Satanisten und andere). 1997 erschien der Abenteuerroman 365 Grad bei Goblin Press, der in Zusammenarbeit mit Jörg Kleudgen entstanden war, 1998 die Sammlung Hirnstaub, 2001 Der Tote im Maisfeld. Er ist Redakteur des Magazins Mephisto.


PRESSE

"Wenn fleischfressende KĂŒhe harmlose Menschen angreifen, wenn Zeitparadoxa unglaubliche Auswirkungen auf den Briefverkehr haben, dann weiß der Insider, dass wieder einmal zwei MĂ€nner am Werk waren, die schon mit ihren anderen Publikationen fĂŒr Aufsehen gesorgt haben: Christian von Aster und Boris Koch.
(...) im vorliegenden Band BALD treten sie gemeinsam auf, um auf teils ernsthafte, teils humoristische Weise die SF in Deutschland zu bereichern.
Abseits des Mainstreams entwerfen sie (Alb-)Traumwelten, die am Beginn des 23ten Jahrhunderts allzuschnell Wirklichkeit werden könnten. Die Dystopie ĂŒberwiegt im ersten Teil des ErzĂ€hlbandes. Meist sind die Bilder schwarz und zynisch, so zum Beispiel in Kindsbehandlung, wenn sich Frauen zum KaffeekrĂ€nzchen treffen, um ĂŒber die neuesten Entwicklungen der Gentechnik im Plauderstil zu unterhalten.
Im zweiten Teil des faszinierenden ErzĂ€hlbandes, geht ein Ruck durch die Stories. Wirklichkeiten verschieben sich, der warnende Zeigefinger wird zum zwinkernden Auge. In bester B-Movie Manier schlagen sich die beiden Recken Koch und Aster durch SF-Stories, welche Roger Corman erblassen lassen. Mein persönlicher Favorit ist dabei Die Geschichte des transkronologischen Postamtes Pödlitz, wo das Zeitreiseparadoxon konsequent auf die Umtriebe der Post angewendet wird, so dass mit Hilfe eines Dimensionsloches zukĂŒnftig Briefe in die Vergangenheit geschickt werden können. Was das fĂŒr kuriose Auswirkungen haben könnte, das lĂ€sst sich nicht beschreiben, das muss man gelesen haben. Ein Kleinod der etwas anderen SF-ErzĂ€hlung.
BALD ist eine Sammlung von SF-Geschichten, deren Spannbreite von Cyberpunk (d:) ĂŒber Space-Opera (Das Amrag d/n Debakel) bis hin zum Trash-Fun-B-Movie-Style (PostrĂ€uber vom Mars) reicht. Wer sie verpasst, dem ist nicht mehr zu helfen."
phantastik.de

"Hat jemand gedacht, dass Das goldene Kalb wĂ€re die einzige Kollaboration der beiden ErzĂ€hler? Nun, sicher nicht, aber dass sie sich beide nochmals in der SF versuchen, war sicher eine Überraschung, oder? Andererseits sollte es nicht verwundern, haben sie doch mit ihrem Erstling ganz schön abgerĂ€umt (an Preisen und Nominierungen). (...)
Die Stories sind meist kurz und pointiert. Sie wirken dem allgemein vorherrschenden Eindruck in der Unterhaltungsliteratur entgegen, dass Zeilen geschunden werden. Hier wird auf den Punkt gebracht, komprimiert und wortgewandt erzÀhlt. Es wird das Genre nicht neu erfunden, aber den im Genre bekannten Motiven werden neue Aspekte und Sichtweisen abgewonnen. (...)
Da erfĂ€hrt der Leser z.B. von einer Raum-Zeit-Anomalie in einer Kleingartensparte. Das Terrain wird von der Post aufgekauft, die dann erstmals in der Lage ist, Briefe 14 Tage bevor sie geschrieben werden auszuliefern. In der folgenden Story werden Beispiele solcher Briefe, die diese Anomalie ausnutzen, vorgestellt (nach dem Muster: Wenn ich weiß, was geschieht, kann ich mir doch selbst eine Warnung in die Vergangenheit zukommen lassen). Na, man kann sich sicher denken, was da fĂŒr faszinierende Chronoklasmen entstehen...
Die PostrĂ€uber vom Mars suchen den guten ollen Wilden Westen heim, sie entsenden Roboter-Killer-KĂŒhe. Interessant ist hier auch die Sprache, die der Autor (...) verwendet. Erst dachte ich, dass hier etwas mit dem Ausdruck nicht stimmt, aber das ganze hat System und ich konnte mich kaum halten vor lachen.
(...) Nicht ganz so drollig, dafĂŒr teilweise ernster, anspruchsvoller sind die Stories des ersten Teils. (...)eine Telepathenstory, die ich fĂŒr die beste Geschichte des ganzen Bandes halte: Die Gedanken sind frei ist weder eine Action- noch eine Funny-SF-Story. Sie zeigt, dass das Leben von Telepathen in der „normalen” Gesellschaft alles andere als rosig ist. Der Held der Story wehrt sich mit aller Macht gegen seine Begabung und gegen die Entdeckung derselben.
Eine zweite Story von Meister Koch mĂŒĂŸte eigentlich auch einen Preis bekommen: Heimflug, obwohl der Plot zunĂ€chst scheinbar ausgetretene SF-Wege bestreitet. Eine Situation wie in ALIEN: Ein Raumfahrer wird außerplanmĂ€ĂŸig aus dem KĂ€lteschlaf erweckt. NatĂŒrlich ist ein außergewöhnlicher Vorfall dafĂŒr verantwortlich, der sich fĂŒr die ĂŒbrige Besatzung katastrophal ausgewirkt hat und im Laufe der Handlung auswirken wird. Was die Ursache ist, bleibt dabei völlig offen, dem Autor geht es nur um die Beschreibung der Wirkung auf die Menschen, und das macht er ganz, ganz großartig!!! Die Geschichte geht an die Nieren.
Ich habe was vergessen? Ja, sicher, aber warum sollen hier 14 ErzĂ€hlungen nacherzĂ€hlt werden, wenn man sie fĂŒr nicht viel Geld selber kaufen und lesen kann, nein: MUSS! Also ran an die Buletten!"
Solar-X