Medusenblut

Details

Zwischen den Atomen

J├Ârg Kleudgen
Medusenblut 6, 40 Seiten, DIN A 5
4.00 €

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Aus dem Inhalt:

ZWISCHEN DEN ATOMENist eine ruhige, mysteri├Âse Erz├Ąhlung um einen seltsamen Wissenschaftler in Form von Briefen. Dazu bietet das Heft f├╝nf einfache Kurzgeschichten, kurze Momentaufnahmen und unheimliche Bilder.


Leseprobe:

ÔÇ×Als ich John Frillingham vor zwei Wochen zum letzten Mal traf, geschah dies in seinem sturmumtobten Haus an der K├╝ste der Toskana. Er hatte es im Sommer erstaunlich g├╝nstig vom letzten Spro├č einer Familie aus Pisa erstanden, die seit dem Zweiten Weltkrieg verarmt war und es bedauerlicherweise nicht l├Ąnger hatte unterhalten k├Ânnen. Der Bau stand hoch ├╝ber einer kleinen Bucht, darunter Wasser, gr├╝n und klar und schaumgekr├Ânt, denn an dieser Stelle brachen sich die heranrollenden Wellen an nur wenige Fu├č unter der Wasseroberfl├Ąche liegenden Felsen. Die Klippen waren vom Salz und Sand in der Luft wie ausgewaschen, und im Winter wurden sie von den nat├╝rlichen Gewalten geradezu in ihren Grundfesten ersch├╝ttert. Und mit ihnen das darauf ruhende Haus.
Es war von einem gepflegten Park umgeben, der von sch├╝tteren Pinien und schlanken Zypressen beherrscht wurde. Diese B├Ąume verliehen dem ganzen Landstrich etwas Melancholisches, aber hier wirkten sie geradezu d├Ąmonisch. Ich erinnere mich noch recht gut der gemischten Gef├╝hle, die ich einst beim Anblick des gedrungenen Turmes gehabt hatte. Damals waren die Fenster noch geheimnisvoll mit schwarzen T├╝chern verhangen gewesen. Inzwischen hatte mich Frillingham l├Ąngst hinauf in das oberste Stockwerk gef├╝hrt, und ich hatte den herrlichen Ausblick auf die aufgew├╝hlte, unb├Ąndige See genossen.
Es war ein Haus im historisierenden Stil seiner Zeit, und seine Erbauer hatten ihm den klingenden Namen ,,La ConchigliaÔÇŁ gegeben. Frillingham hatte dieser Name gefallen. Er hatte ihn auf einer kleinen Tafel neben dem linken der beiden medusenfriesverzierten S├Ąulen angebracht, die den Portikus ├╝ber dem zweifl├╝geligen Eingangsportal trugen.
Durch dieses hatte ich auch an bewu├čtem Tag vor zwei Wochen das Haus betreten wollen und hatte mit Erstaunen festgestellt, da├č hinter keinem der hohen Fenster Licht brannte. Doch noch bevor ich gel├Ąutet hatte, ├Âffnete sich die T├╝r und Frillingham erschien. Er mu├čte meine Schritte auf dem knirschenden Kies des Weges geh├Ârt haben und begr├╝├čte mich mit ├╝berschwenglicher Freude: ÔÇťFr├╝h bist Du, aber ich freu` mich! Komm' doch herein."

Mehr als einmal hatte mein Freund mir von der merkw├╝rdigen Vergangenheit des Geb├Ąudes erz├Ąhlt. Es habe einem reichen Seehandelsunternehmer namens Menozzi, einem Mann vornehmster Herkunft, geh├Ârt. Eines Tages, so hatte mir Frillingham berichtet, als Menozzi von einer langen Fahrt in die ostindische See zur├╝ckgekehrt sei, habe sich in seiner Begleitung eine exotische Sch├Ânheit befunden. Diese habe er wenige Wochen nach seiner R├╝ckkehr geheiratet, gegen den Willen des uralten elterlichen Geschlechtes, dessen noble Vergangenheit sich bis in voretruskische Zeit zur├╝ckverfolgen lie├č.
Die Geschichten, die sich um die kurze Zeit des Gl├╝cks und die darauffolgende Trag├Âdie rankten, hatte mein Freund wohl bereits in geraffter Form zum Besten gegeben, doch sie waren zu absurd und voll d├╝sterer Andeutungen ├╝ber Dekadenz und furchtbare Br├Ąuche, als da├č ich in ihnen auch nur ein K├Ârnchen Wahrheit vermutet hatte.
Wir hatten uns des weiteren ├╝ber die ersch├╝tternde Vergangenheit des Anwesens in j├╝ngerer Zeit unterhalten, wenn wir uns in der kleinen Bar an der Via Aurelia getroffen hatten. In diesem Haus f├╝hlte nicht nur ich eine deutliche Beklemmung. Alleine zu ahnen, da├č hier etwas geschehen war, reichte aus, um ein Gef├╝hl des Unwohlseins hervorzurufen, ungeachtet der herrlichen Architektur und Vollendung der Formen.
Da├č der geistige Druck auf den Freund mit jeder weiteren Einzelheit die er erfahren, zugenommen hatte, wollte ich anfangs nicht wahrnehmen, doch sp├Ąter war seine Ver├Ąnderung nicht mehr zu ├╝bersehen gewesen. Aus dem jungen Unternehmer war alle Kraft gewichen. K├Ârperlich hatte er abgebaut, was ich trotzig immer wieder auf die nat├╝rliche Alterung zur├╝ckgef├╝hrt hatte.
An diesem Tag jedoch wirkte er auf mich abgezehrter denn je. Das kurze Haar war struppig und von einem stumpfen graubraun, das mich an die F├Ąrbung des flechtenbewachsenen Turmdaches erinnerte. Seine Augen waren glasig, und beinahe glaubte ich hindurch sehen zu k├Ânnen. Nur was dahinter lag, im Dunkeln, vermochte ich noch nicht zu erkennen.ÔÇť
Aus: Herbststurm

Über den Autor:

J├Ârg Kleudgens k├╝nstlerische T├Ątigkeiten sind vielf├Ąltig. Er ist S├Ąnger und Kopf der Gothic-Rock-Band The House Of Usher, deren ansprechende CD- und Platten-Cover er auch zeichnet. Sein schriftstellerisches Werk zeichnet sich durch einen eigenen Charme und die Eindringlichkeit und Bildhaftigkeit seiner Einf├Ąlle aus. Geschickt verbindet er klassische Phantastik mit Modernit├Ąt, ohne die Gro├čen Alten zu kopieren oder sich aktuellen Trends anzubiedern. Neben einer Reihe von Ver├Âffentlichungen in Magazinen und Anthologien erschienen in seiner Goblin Press die Romane Der Fluch von Mayfield, Der Nachtmahr, Die R├╝ckkehr des Nachtmahrs, 365 Grad (mit Boris Koch), Hagazussa (mit Marco Meier) und die Sammlung Cosmogenesis.


Presse

ÔÇ×Wer J├Ârg Kleudgen kennt, dem werde ich nicht allzuviel erz├Ąhlen m├╝ssen. Der wird diesen Band eh schon haben. Und wer ihn nicht kennt, der sollte ihn sich baldm├Âglichst zulegen. Denn von Kleudgen wird man nicht entt├Ąuscht sein. Es geh├Ârt zum Feinsten, was die deutsche Phantastik der 90er Jahre zu bieten hat. Der Band bietet auf 40 Seiten 6 Stories, von denen schon die Titelgeschichte 13 wegnimmt. Klar, da├č da kein Platz zur gro├čen Entfaltung bleibt. Aber dennoch gelingt es Kleudgen auch in dieser K├╝rze den Leser schon nach dem zweiten, dritten Absatz vollends in die Handlung hineingezogen zu haben, das gen├╝gt ihm. Und man sollte sich auch hineinziehen lassen, der Autor hat einiges zu bieten. Einfach den Band kaufen und ├╝berraschen lassen!ÔÇť
Screem