Medusenblut

Details

Hirnstaub

Boris Koch
Goblin Press/Medusenblut, 108 Seiten, Tb mit Schutzumschlag
9.00 €

AUSVERKAUFT!

Aus dem Inhalt:

HIRNSTAUB beinhaltet √ľberwiegend phantastische Erz√§hlungen, jedoch auch Grotesken und ein kurzes Theaterst√ľck. Subtil, b√∂se, d√ľster, mysteri√∂s.


Leseprobe:

‚Äě... Welcher Junge in dem Alter tr√§umt nicht von irgendwelchen Abenteuern, war nicht scharf darauf, sie zu erleben?
Ab viertel nach zehn zappelte ich unter der Bettdecke, in der Hoffnung, da√ü die Zeit so schneller verrinnt, aber auch, um nicht einzuschlafen. Z√§h krochen die Zeiger √ľber das Zifferblatt meines Weckers. Um 20 vor elf h√∂rte ich die Schlafzimmert√ľr meiner Eltern zufallen. Ich las noch einen Comic mit der Taschenlampe unter der Bettdecke, dann schlug die Kirchturmuhr viertel nach. Schnell zog ich mich an und stieg unbemerkt aus dem Fenster.
Auf der n√§chtlichen Stra√üe kribbelte schon bald ein mulmiges Gef√ľhl in meiner Magengegend. Von irgendwo klangen Schritte her√ľber. Ich trabte los. So sp√§t war ich zuvor nie allein unterwegs gewesen, und die ruhigen, leeren Stra√üen unseres Wohngebiets machten mich paranoid. In jedem Hauseingang, hinter jeder Ecke vermutete ich einen M√∂rder oder Werwolf. Ich ben√∂tigte f√ľnf ewige Minuten zum Treffpunkt, und ich glaube, ich w√§re wahnsinnig geworden, w√§re ich der erste gewesen und h√§tte auf die anderen warten m√ľssen. Zumindest dachte ich das damals. Heute bin ich wohl t√§glich dem Wahnsinn n√§her. In jener Nacht hatte ich einfach nur Angst. Aber auch das nicht lange, denn Edgar und Frank lehnten schon l√§ssig am Brunnenrand und spuckten abwechselnd ins Wasser. Thomas und Joe, die im gleichen Haus wohnten, erschienen gemeinsam kurz nach mir. Einige Erwachsene schielten mi√ütrauisch zu uns her√ľber, doch keiner sprach uns an. Wir liefen los. Nachts f√ľhlt sich die Stadt ganz anders an, irgendwie lebendiger. Damals sp√ľrte ich das zum ersten Mal. Es war herrlich. Zusammen kannten wir keine Furcht. Die anderen Banden lagen l√§ngst schon im Bett, nur wir Pumas durchstreiften unser wachsendes Revier. Zehn vor zw√∂lf erreichten wir den Friedhof. Im grauen Haus des unheimlichen Mannes brannte noch Licht, und der bl√§uliche Schimmer eines Fernsehers erleuchtete schwach einen Vorhang. Das beruhigte mich. Ich hatte noch nie geh√∂rt, da√ü Zombies vor der Glotze hingen. Fernsehen konnte also als Beweis f√ľr Menschsein gelten.
Edgar f√ľhrte uns an der Mauer entlang. Wir suchten nach einer M√∂glichkeit, die gut zwei Meter hohe Barrikade zu √ľberwinden, abseits der Stra√üe, der Laternen. Wir stapften aus der Stadt, lie√üen unsere rechten H√§nde √ľber die k√ľhlen Ziegel gleiten und schauerten zusammen, wenn unsere Finger durch weiches Moos oder rauhe Besch√§digungen in der Mauer streiften. Es war wie ein Ritual, wir lie√üen den k√∂rperlichen Kontakt zum Friedhof nie abbrechen. Wir begr√ľ√üten und bes√§nftigten ihn dadurch, bewiesen uns, da√ü er uns duldete, uns nichts anhaben konnte. Selbst als ich eine klebrige Nacktschnecke vom Ziegel wischte, zuckte ich zwar zusammen, lie√ü meine Fingerkuppen aber weiter √ľber die Steine wandern.
Pl√∂tzlich verharrte Edgar und deutete auf eine verwachsene Buche, f√ľnf Schritte vor ihm, deren dunkles Ge√§st bis in den Friedhof hinein reichte.
"Hier kommen wir hin√ľber. Wir steigen auf den Ast, da, daran entlang und am Ende dann fallenlassen. Ich geh` vor."
Aus: Der Mann mit den toten Augen

Über den Autor:

Boris Koch veröffentlicht seit 1993 Erzählungen in Magazinen und Anthologien (Der agnostische Saal, Arkham und andere). 1997 erschien der Abenteuerroman 365 Grad bei Goblin Press, der in Zusammenarbeit mit Jörg Kleudgen entstanden war. Er ist Redakteur der Magazine Mephisto und Dragon.


Presse

‚ÄěWer niederziehende Stories mag, kommt voll auf seine Kosten‚Äú
Doom

‚ÄěEine bunte Mischung, die sich einer Einordnung in irgendein Genre strikt verwehrt. Und das ist gut so. (...) Geschichten, die nicht jedes auftauchende R√§tsel entschl√ľsseln, die aber mit geschickten Wendungen und ungew√∂hnlichen Ideen den Leser in ihren Bann ziehen und ihm teils auch einiges an Mitdenken abverlangen. Denn nur zum ‚ÄěSo-Neben-Her-Lesen‚Äú schreibt Boris Koch nicht. Aber gleichzeitig sind seine Geschichten auch wiederum nicht so abgehoben, da√ü man alle paar Seiten denkt, man mu√ü jetzt noch mal von vorn anfangen. Weil, irgendwas hat man doch bestimmt √ľberlesen, das kann doch so gar nicht sein... Nicht so bei Boris Koch, dem man bescheinigen kann, auf dem besten Weg zu sein, seinen Weg zu machen.‚Äú
Screem