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Der Tote im Maisfeld

Boris Koch
Medusenblut 11, 135 Seiten, Pb, ISBN 3-935901-00-3
10.00 €

DER TOTE IM MAISFELD enthält fünf phantastische Erzählungen von Tod, Liebe und Religion, darunter vier Erstveröffentlichungen. Mal düster und böse, mal mysteriös, mal pervers und bizarr, doch nie ohne einer Prise verdrehtem Humor.


Leseprobe:

Sanft zog er ihre blonden Haare aus seinem Mund. Er rollte zur Seite und genoß den inneren Frieden, die kostbaren Augenblicke nach dem Samenerguß.
Draußen im Hafen legte ein grellbunt bemaltes, bizarres, dreimastiges Handelsschiff an. Planken und Segel waren zerfressen, durchlöchert. Doch es wirkte, als sei der Verfall im letzten Stadion eingefroren, als könnte das Schiff im momentanen Zustand noch Jahrhunderte überdauern. Die krummen, schiefen Masten fügten sich nahtlos in dieses Bild. Der Kaufmann, ganz in schwarzes Tuch gehüllt, stand bewegungslos am Steuerrad. Kein Gesicht war unter der Kapuze zu erkennen, nur ein bleiches und ein rotes Leuchten zu erahnen.
Die Luken im Rumpf sprangen auf und heraus quollen entstellte Matrosen in schmutzigen, löchrigen Lumpen, die Haut von roten und schwarzen Beulen und Pusteln überdeckt. Beißend zog ihr Gestank durch die Straßen. Sterbend stolperten sie in die Stadt. Das Schiff schloß die Luken und hob ab, übersegelte Häuser, Festungen, Kirchen und steuerte in das Landesinnere. Aus einer mannshohen Sanduhr am Heck stäubte graues Pulver durch den rissigen Boden herab und löste sich in der Luft auf. Der unsichtbare Tod kroch durch Nasen und Münder in die Lungen der Menschen und zerfraß sie.
Er sah aus dem Fenster, beobachtete das Elend in den Straßen. Die Türen hatte er verschlossen. Das Haus sollte sicher sein. Drei junge Frauen und sein Bruder lebten hier mit ihm eingesperrt seit der Ankunft der Seuche. Nur selten blickte er hinaus, wo schnabelgesichtige Mediziner sich vergeblich mühten. Dort herrschte der Tod, doch in ihrem Haus wollten sie leben. Das hatten sie geschworen. Kein Gedanke an das Leid, an die Angst, an das Ende. Also dachten sie fast überhaupt nicht mehr. Wein, Sex, Essen, Zärtlichkeiten, wilde Späße. Rauschhafte Geschwindigkeit gegen den tödlichen Stillstand.
Er sah aus dem Fenster. Er wußte, daß er nicht helfen konnte. Es interessierte nicht, ob es eine Strafe Gottes war, wie viele behaupteten, ob Matrosen die Krankheit aus fernen Ländern eingeschleppt hatten, oder dies oder das. Die Frage nach der Ursache, nach der Schuld, wäre der Beginn lähmender Grübeleien. Er wollte nur jeden Tag einmal die Pestopfer sehen, einmal das Schreckensbild erneuern. Das gab ihm den Willen, jede Sekunde zu genießen, die Bilder mit aller Kraft wieder zu vertreiben, sie mit ungestümen Sex zu verbannen. Ein wahnsinniger Teufelskreis. Starre auf das Leid und ficke dir die eigene Angst davor aus dem Leib.
Der Schnitter mähte durch die Straßen, der Priester folgte ihm und segnete die frisch verstorbenen in den Gassen. Die Totengräber dahinter warfen einfach Erde auf die Leichen und zogen ihren Karren dann darüber hinweg. Die Straßen wuchsen in die Höhe, die Stadt mutierte zu einem gigantischen Massengrab und versank in ihren Toten. Sie schwappten gegen die Häuser wie die Flut eines dreckigen Meeres.
Er löste sich von der Fensterscheibe und trank Wein. Den leeren Kelch warf er in die Ecke und stürmte lachend aus dem Zimmer.
„Wo seid ihr, meine hübschen. Alle drei, ich brauch‘ euch alle drei. Laßt uns feiern.“

aus: Das Kästchen

Boris Koch, Jahrgang 1973, brach das Studium von Geschichte und Literatur zugunsten des Schreibens ab. Er ist der Verfasser zahlreicher Bücher, u.a. der Drachenflüsterer-Saga, Comictexter und Mitbegründer der legendären Berliner Lesebühne Das StirnhirnhinterZimmer. Heute lebt er zusammen mit der Autorin Kathleen Weise und der gemeinsamen Tochter in Leipzig. Er wurde mehrfach ausgezeichnet und in mehrere Spachen übersetzt.

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